Die schöne Kunst, das Schicksal zu lesen

Kleines Brevier der Astrologie
Art.-Nr.: 4222

Lorenz Jäger

Produktform:  Hardcover
Seitenzahl:  143
ISBN:  978-3-86674-039-6
EAN:  9783866740396
Menge:
lieferbar Gewicht: 0.252 kg

Produktdetails

Astrologie galt bis weit in die frühe Neuzeit hinein als unentbehrliche Erkenntnismethode. Lorenz Jäger hat seine heimliche Liebe zu dieser verfemten Kunst öffentlich gemacht. Er publizierte im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Serie der Tierkreiszeichen, in der er jeweils einen Dichter oder Schriftsteller vorstellt. Der Rahmen seiner astrologischen Erkundungsreise wird jedoch noch weiter gesteckt, denn er nimmt auch die Planeten in den Blick, sowohl die günstigen wie Venus und Jupiter, als auch die schwierigen wie Mars und Saturn. In enger Anlehnung an die Tradition, aber in der Sprache von heute, wird eine Kunst des Bilderstellens, des Bilderlesens entwickelt. Nicht ironisch, sondern umfassend und kenntnisreich, mal plaudernd, mal philosophisch bringt er dem Leser das astrologische Denken nahe.

Autorenporträt

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Lorenz Jäger (1951), Studium der Soziologie. Nach der Promotion lehrte er in USA und Japan. Er ist Redakteur beim Feuilleton der FAZ und Autor zahlreicher Studien zur Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts.

Leseprobe

Venus, das kleine Glück

Theodora begann träumerisch: »Nur einmal habe ich die Sprache des Himmels wirklich sofort verstanden; nicht reflektierend, sondern so, dass sie sich mir als expressive Dimension überhaupt erst erschloss. Am Horizont war der Himmel rosa bis pfirsichfarben, weiter oben ging er ins Türkis über. Im dunkleren Bereich stand Venus. Schöneres kann man sich nicht vorstellen. In diesem Moment erst wusste ich, das ist Ausdruck, man muss ihn nur verstehen lernen. Der Himmel, ein Aphasiker, der keine andere Möglichkeit der Mitteilung hat als seine Lichterscheinungen, und mit der Venus als Abendstern will er sagen: Dies ist das Schönste. Pracht der Sonne, Milde des Mondes, bleiche Farbe des Saturns – so redet er zu uns.»

Astrid legte uns das Planetenkinderbild der Venus vor. »Hier wird die Sprache des Himmels ins Menschliche übersetzt. Es zeigt die Herrin der beiden Tierkreiszeichen Stier und Waage im Damensitz auf ihrem Pferd. Du siehst Musik, die Welt ist vom Klang erfüllt. Tanz und Liebesspiel sind die Motive, mal galante, höfisch-elegante Paare; mal direkter vorgestellt m gemeinsamen Bad, da ist die Umarmung schon nah. Selbst die alte Dienerin riskiert noch einen Blick. Das Ganze ist ein Liebesgarten, der für nichts anderes angelegt ist und uns vom Vorspiel im Tanz bis zur Umarmung fast alles vor Augen stellt; Früchte, vielleicht mit aphrodisierender Wirkung, liegen bereit. Stier und Waage begleiten die Göttin als ihr Herrschaftsbereich.»

Juliana blätterte im Regiomontan. »Venus, sagt er, sei die Bezeichnerin >der weit freud / des gesangs / allerley seyten spil / und zier der kleyder ... In Venus stunden ist guet / Von Herzen etwas zu erfaren / heurar machen / kurzweylen mit frawen / new kleyder anlegen / unnd alle frawliche werck / und wo zu frawen gehören / thun. Es ist guett über feldt ziehen / es begegnet ihm guts nemlich von frawen.< Er ist aber auch sehr kritisch und mahnend, wenn die Tendenz zu stark wird: Das Kind werde >geyl und unkeusch', die Tochter entpuppe sich dann als >toericht fraw<. Dennoch sieht auch er die guten Gaben des schönen Planeten: Asts eyn man / so wirdt er den weibern lieb / ists ein fraw / wirdt den mannen lieb ... Hat die Music lieb / legt vil fleiK auff sevten spil und seine klevder / und wann sie das an gut nit vermögen / greiften sie an / da volgt hencken nach., Nun, er sieht sich am Ende doch wieder zum Moralprediger' genötigt. Eros ist eine große Macht, ja eine Gewalt, das jedenfalls erkennt er. Und das stimmt zum antiken Mythos: Ohne Venus hätte der ganze Trojanische Krieg nicht stattgefunden. Denn ihr, und nicht den Konkurrentinnen Hera und Pallas Athene, reichte Paris den Apfel, und das Verhängnis nahm seinen Lauf. Der Lohn ist, dass Paris die Freuden der Liebe mit der schönsten Frau genießen darf, mit Helena – die aber rechtmäßig einem anderen gehört. So setzt sich Venus über die Normen und Verträge auch hinweg.« (....)

Joachim war noch nicht zufrieden mit der Auslegung. »Als Siegel der Frauenbewegung finden wir Venus wieder. Auch das ist eine Umdeutung des ursprünglich Gemeinten, denn nun geht es nicht mehr um Venus als elementare, sondern um Feminismus als gesellschaftliche Macht. In ihrem Zeichen wird heute um den Anteil der Frauen an Führung gekämpft. Auch das Namensprogramm, das die Astronomen für die Oberflächenzüge, zum Beispiel für die Krater auf der Venus entworfen haben, ist pädagogisch, musisch-musikalisch und künstlerisch in dem Sinne, dass es weibliche Durchsetzung in einer männlich dominierten Gesellschaft feiert. Bei Marlene Dietrich, der Lorelei, Lola Montez, Josephine Baker und Sarah Bernhardt – allesamt Namenspatroninnen von Venus-Kratern – ist noch etwas von der echten Venus zu spüren. Wenn man aber Dorothea Erxleben dort verewigt hat, dann nicht wegen ihrer aphrodisischen Gaben, sondern weil sie die erste Frau war, die in Deutschland promoviert wurde, eine Wegbereiterin. Ähnlich mag es sich bei Clara Schumann, Nelly Sachs, Angelica Kauffmann, Käthe Kollwitz, Bertha von Suttner, Anne Frank oder Agatha Christie verhalten. Nicht die Venus siehst du, sondern eine Art Weltmuseum berühmter Frauen und weiblicher Begabungen – am Ende ein UNESCO-Programm für die Gleichstellung. Besser, wir halten uns an die Maler, die in der Venus die Schönheit verherrlicht haben: Botticelli und Cranach, Tizian und Altdorfer.«

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